Eine liebevolle Buchempfehlung zu Weihnachten
Das Ende einer Unversehrtheit von Dr. med. Bärbel Grashoff und Marie Luisa Kerkhoff.
Gelesen und empfohlen von Melanie Berg.
Manchmal schenken uns Bücher genau das, was wir in diesem Moment brauchen – Trost, Verständnis, ein Wiedererkennen. Dieses hier kam zu mir aus einer besonderen Richtung: von einer meiner engsten Freundinnen, die selbst gerade eine schwere Zeit hinter sich hat. Wir kennen uns schon lange, aber unsere beiden Diagnosen – bei mir Brustkrebs, bei ihr Lungenkrebs – haben unsere Freundschaft noch einmal auf eine andere Ebene gehoben. Wir sind beide durch dunkle Täler gegangen, haben uns gegenseitig aufgebaut, wenn es schwer wurde, und uns immer wieder Mut zugesprochen und Hoffnung gemacht. Als sie genesen war und langsam wieder zu Kräften kam, hat sie mir zum Dank für diese Zeit dieses Buch geschenkt. Und es fühlte sich an wie eine Umarmung zwischen zwei Buchdeckeln.
Ich habe es direkt am nächsten Tag verschlungen. Meine eigene Erkrankung liegt jetzt vier Jahre zurück. Es ist mir gelungen, Abstand zwischen diese schwierige Zeit und meinem unbeschwerten Ich heute zu bringen, und trotzdem hat mich diese Graphic Novel tief berührt. Es war, als würde ich durch die Seiten hindurch wieder ein kleines Stück meiner Vergangenheit erspähe – behutsam, sicher, aber doch so ehrlich, dass Erinnerungen und Gefühle zurückkamen, die ich jetzt lange nicht mehr hatte. Und gleichzeitig konnte ich aus dieser neuen Distanz sagen: gut, dass diese Zeit hinter mir liegt. Gut, dass ich da so hindurchgekommen bin.
Was mich sofort überzeugt hat, ist die Mischung aus Wissen und Gefühl. Das Buch ist unglaublich informativ – aktuell, klar strukturiert und aus echter Patientinnenperspektive geschrieben. Es überfordert nicht, es nimmt an die Hand. Es erklärt, ohne zu belehren. Es tröstet, ohne zu beschönigen. Es ist einer dieser seltenen Zugänge, die wirklich „user-friendly“ sind, weil sie Verständnis wecken, Orientierung geben und gleichzeitig Halt bieten.
Und dann die Bilder. Diese Bilder! So fein, so eindringlich, so nah am Erleben. Ich habe beim Lesen gemerkt, wie plötzlich und eindrucksvoll sie Emotionen hervorholen, die Worte allein oft nicht erreichen. Sie machen sichtbar, was sonst so schwer auszusprechen ist – Angst, Hoffnung, Schmerz, Mut. Dr. Bärbel Grashoff erzählt von ihrer eigenen Brustkrebserkrankung, und ich habe so vieles von mir selbst in ihrer Geschichte wiedergefunden. Das war manchmal schwer, ja, aber zugleich unglaublich stärkend.
Ich würde dieses Buch wirklich von Herzen allen empfehlen, die neu mit einer Brustkrebsdiagnose konfrontiert sind. Es informiert, es nimmt Sorgen ernst, es macht Mut – und es macht keine Angst. Und darüber hinaus ist es einfach ein kunstvolles, berührendes Werk. Ein Buch, das man nicht nur liest, sondern erlebt. Und das haben Autorin Dr. med. Bärbel Grashoff und Illustratorin Marie Luisa Kerkhoff auf wunderbare Weise geschafft.
Sachliche Infos zum Buch:
„Das Ende der Unversehrtheit“ ist eine einfühlsame Graphic Novel über das Leben mit einer Brustkrebsdiagnose. Frauenärztin und Betroffene Dr. med. Bärbel Grashoff verbindet in diesem Werk persönliche Erfahrungen mit medizinischem Wissen. In Wort und Bild werden zentrale Stationen des Krankheitsverlaufs verständlich erklärt – von Diagnose über verschiedene Therapieformen (Bestrahlung, Chemotherapie, antihormonelle Behandlung samt Nebenwirkungen) bis hin zu Themen wie Körperbild, Sexualität, psychische Bewältigung, Komplementärmedizin und der Umgang mit Angehörigen. Besonders ist die Gestaltung als Wendebuch: Der zweite Teil enthält eine Anleitung zur Brustkrebs-Früherkennung und Selbstuntersuchung. Ein Sachcomic für Betroffene, Angehörige und alle, die genauer hinschauen möchten.